Leseprobe Band 1

Prolog

Ich erwachte in tiefster Finsternis. Überall um mich herum hatte sie sich ausgebreitet. Mein Herz raste, während ich versuchte meine Umgebung zu ertasten. Wo war nur der Lichtschalter? Suchend tastete ich die Umgebung nach meiner Nachttischlampe ab, doch da war nichts. Ich griff ins Leere. Meine Hand raste herab, bis sie neben mir auf der gleichen Höhe meines Hinterns aufkam. Wo war ich nur?

Zitternd betastete ich den Boden auf der Suche nach etwas Vertrautem, wie einem Teppich, doch nichts außer einer glatten schwarzen Fläche war dort.

»Arisu«

Ich blickte auf. Wer hatte meinen Namen gerufen? Ich wollte antworten, doch meine Stimme versagte mir den Dienst, die aufkommende Angst war einfach zu groß. Die Finsternis war erdrückend.

»Arisu?«

Ich richtete mich auf und kam torkelnd zum Stehen. Wenn ich nicht sprechen konnte, musste ich nur zu der Stimme gehen und sie würde mir helfen, oder? Zumindest klang sie nett und kindlich. Kinder waren immer nett, oder?

Langsam bewegte ich mich auf die Stimme zu, als sie ein weiteres Mal, aber diesmal gefährlicher, erklang: »Arisuuuuu, lass uns spielen!«

Mein Herz rutschte mir fast in die Hose, während pures Adrenalin durch meine Venen floss. Ich schluckte und blickte geradeaus, als sich plötzlich vor mir ein Busch auftat. Er war dämmergrau und hob sich kaum von der Schwärze ab. Da war die Stimme hergekommen, von dem Strauch. Sollte ich weiter gehen? Es war ja nur eine Kinderstimme. Ich war erwachsen und sollte mich nicht vor der Dunkelheit fürchten.

»Arisuuuuu lass uns spielen, ich zähle, ja? 1, 2, 3, 4, 5…«, begann der Busch zu zählen mit einer schaurigen Kinderstimme, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Was würde passieren, wenn der Junge mit zählen fertig war? Wollte ich es wissen? Vorsichtig ging ich ein paar Schritte zurück, als über dem Buschwerk spitze, mit Fell überzogene Tierohren zum Vorschein kamen. Sie zuckten leicht, bevor die Stimme wieder ertönte: »Arisuuuuu du darfst erst loslaufen, wenn ich bei 10 angelangt bin!«

Spätestens nach diesen Worten hätte ich rennen sollen, doch meine Füße waren wie festgefroren. Ich zog und zerrte an meinen Beinen, doch ich kam nicht von der Stelle, während die Tierohren immer mehr herausragten, bis plötzlich ein menschenähnliches Gesicht auftauchte: »6, 7, 8, 9 und…«

Ich erstarrte, riss noch mehr an den Beinen, als mich mit einem Mal leuchtende Augen anblickten. Mein Herz setzte aus, als er nun auch die letzte Zahl ausspuckte: »10! Lauf Arisu, lauf, jetzt komme ich!«

Panisch riss ich ein weiteres Mal an meinen Beinen, als diese sich ruckartig wie von selbst lösten und ich beinahe zu Boden stürzte. Ohne zu überlegen, rannte ich um mein Leben. Ich wusste nicht, wo ich war und was vor mir lag, doch alles war besser, als zu warten, bis dieses Kind mich erwischte. Mein Bauchgefühl reichte mir, um zu verstehen, wie gefährlich dieses Etwas war, das mich jagen wollte.

Mein Herz hämmerte laut und meine Ohren rauschten, während ich mit einem Tunnelblick weiter und weiter lief, ungewiss, wie dicht er mir auf den Fersen war. Hier und da versuchte ich Haken zu schlagen, in der Hoffnung, dass er aufgab, doch gerade als ich nachsehen wollte, hörte ich ihn wieder, diesmal dichter als noch zuvor: »Arisuuu, gleich hab‘ ich dich!«

Schneller, ich musste schneller laufen! Immer mehr trieb mich die übermächtige Angst voran, als ich über etwas stolperte. Es brauchte kurz, bis ich erkannte, dass es sich um eine Baumwurzel handelte. War ich etwa in einem Wald?

Vor mir erschien schlagartig ein pechschwarzer Baum, dem ich noch im letzten Moment ausweichen konnte, wie auch dem darauffolgenden, den ich um Haaresbreite mitgenommen hätte. Auch stolperte ich jetzt immer mehr über auftauchende Schatten am Boden, schürfte mir die Arme an rabenschwarzen Ästen und Zweigen auf, doch ich blieb nicht stehen, biss mir auf die Lippen und betete, dass ich lebend diesen grusligen Wald verlassen würde.

Und dann passierte es unverhofft. Endlich. Ich sah vor mir ein Licht durch das enggewachsene Dickicht schimmern. Der Ausgang! Neuer Lebensmut erfasste mich. Ich könnte es schaffen! Nein, ich würde es schaffen! Schnell umlief ich noch einen Baum, als mein Herz ein weiteres Mal aussetzte. Es war nicht der rettende Hafen gewesen, sondern rotbrennende Augen, die mich anscheinend schon erwarteten.

Panisch wollte ich ausweichen, doch ich rutschte aus und fiel zu Boden. »Arisuuu, jetzt hab‘ ich dich!«

Die Stimme ertönte wieder haarsträubend hinter mir. Ich drehte mich rasch um, wollte noch aufstehen, doch da sah ich es! Die langen Tierohren und die hell leuchtenden Augen. Es setze zum Sprung an und schnellte auf mich zu, ich würde nicht mehr ausweichen können.

Ich riss im letzten Moment die Arme hoch, verdeckte schützend mein Gesicht und kniff verängstigt die Augen zu, während mein Herz so schnell klopfte, dass es sich anfühlte, als könnte es im nächsten Augenblick herausspringen.

Ein lautes Ratschen ertönte, bevor ein höllischer Schmerz an meinem Handgelenk einsetzte. Alles um mich herum wurde schwarz, wie auch blutrot, während ich laut aufschrie, auch wenn ich wusste, dass keiner mich retten käme. Hier würde alles Enden…

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